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Der Urschrei

Mein neues Leben begann mit dem Urschrei. Als ich das erste Mal nach Vater und Mutter schrie, fühlte ich mich wie ein Baby. Mein Atem war in den Bauch gefallen. Es war eine Wiedergeburt und Selbstfindung.
Ich wiederholte den Urschrei so oft, bis sich keine Reaktionen mehr zeigten. Gleich zu Beginn die Erkenntnis: Ich bin ein Mann und der weibliche Anteil in mir muß sterben.

»Dieses Buch handelt von der Entdeckung des Urschmerzes - eines Schreies, der die bisherige Psychologie auf bisher ungeahnte Weise verändern kann. Während einer therapeutischen Sitzung erzählte mir ein Student von einem Schauspieler, der auf der Bühne in London auftrat und ein Baby spielte, das immer nur Papi und Mami zu rufen hatte, bis es sich am Schluß seiner Vorstellung übergab. Während seiner Nummer wurden Plastiktüten verteilt und die Zuschauer aufgefordert, seinem Beispiel zu folgen.
Eben dies hatte den Studenten so fasziniert, daß ich auf die Idee kam, ihn aufzufordern, es ebenfalls einmal auszuprobieren. Anfänglich weigerte er sich, doch da ich einfach darauf bestand, fing er an, nach Papi und Mami zu rufen. Plötzlich schrie es ganz laut und schrill aus ihm, so als ob er sich in einem hypnotischen Zustand befinden würde. Dabei krümmte er sich auf dem Boden; Zuckungen durchliefen seinen ganzen Körper. Am Schluß stieß er einen lauten, durchdringenden Todesschrei aus, wie ich es noch nie in meiner bisherigen Praxis als Psychotherapeut gehört hatte. Der Schrei ließ alle Wände meines Sprechzimmers erzittern.
Das Ganze hatte nur ein paar Minuten gedauert, und alles, was er mir sagen konnte, war, daß er es geschafft habe. Was, das konnte er mir nicht sagen. Er sagte nur, daß er jetzt fühlen kann.«

Genau die Einleitung des Buches »Der Urschrei« von Arthur Janov hatte ich gelesen, als mir in den Sinn kam, es auch einmal auszuprobieren. Ich war ein bißchen aufgeregt, doch ich beruhigte mich, indem ich mir sagte, viel grausamer als in einem Traum vor ein paar Tagen, wo Strom durch meinen Körper floß, könnte es wohl kaum werden.
Ich legte mich aufs Bett und fing an, nach Vater und Mutter zu schreien, zuerst zaghaft, dann schrie ich etwas mutiger: »Vati! Mutti!« und nochmals »Vati! Mutti!« Und mit einem Mal schrie es wie von selbst aus mir und so gewaltig, daß ich es nicht mehr zu kontrollieren vermochte: »Vati!!!! Mutti!!!!«, und zugleich stieß ich laute Schreie aus, die alle aus der Tiefe meines Inneren zu kommen schienen und ich fühlte Strom durch meinen Körper fließen, dessen Kraft meinen Körper aufbäumen und zusammenzucken ließ. Mein Denken war ausgeschaltet, ich fühlte mich wie ein Baby, das gerade erst durch die Geburt ins Freie gelangt war und jetzt nichts anderes machen konnte, als nur zu schreien. Je länger ich schrie, um so mehr schien es dem Baby Spaß zu machen, bis mein Schreien in eine Art Singen überging und von selbst aufhörte.
Das Ganze hatte höchstens fünf Minuten gedauert. Aber was war mit mir geschehen? - Ich mußte einfach lachen, so wahnsinnig gut fühlte ich mich danach. Kein Gedanke mehr daran, daß meine Freundin mich verletzt hatte. Mir wurde schlagartig bewußt, daß ich mich nur durch meine Schmerzen, die seit meiner Kindheit in mir gewesen waren, verletzt fühlen konnte. Jetzt, da ich sie alle herausgeschrien hatte, gab es keine Wunde mehr, die aufgerissen werden konnte. Die größte Veränderung war mein Atem, der in den Bauch gefallen war, und meine Stimme, die nach einer neuen, stählernen Selbstsicherheit klang. Als ich nach draußen ging, konnte ich an diesem Tage sogar wieder alles scharf sehen, obwohl ich sonst eine Brille brauchte.

Als Sonja am Abend zurückkam, merkte sie, daß etwas mit mir geschehen war. Ich erzählte ihr sofort mit Begeisterung, was ich ausprobiert hatte, ja ich führte es ihr ein zweites Mal vor. Ich legte mich wieder aufs Bett und fing an, nach Vater und Mutter zu schreien. Und wieder kam das gleiche Gefühl: Ich wähnte, ich sei ein Baby, das nichts anderes könne als nur schreien und dem das Schreien Spaß mache. Zuletzt konnte ich nicht mehr unterscheiden, ob es ein Schreien oder Singen war. Sonja sagte danach etwas bewundernd, daß ich noch nie so »frei und sagenhaft gut« gesungen hätte. Sicherlich hatte ich sie neugierig gemacht auf mein Erlebnis, denn sie wollte es ebenfalls ausprobieren.

So fuhren wir eines Abends an die Isar, zu einem Wasserfall, wo das Tosen und Rauschen die Stimmen schluckt und man sich nicht zu genieren braucht, einfach zu schreien. An diesem regnerischen Abend waren keine Leute unterwegs, wir waren vollkommen allein. Sonja entfernte sich ein Stück - sie wollte mich anscheinend nicht dabei haben. Aber da ich gespannt war, wie es bei ihr ablaufen würde, beobachtete ich aus kurzer Entfernung, wie sie sich ans Ufer setzte und tatsächlich nach ihrer Mutter zu schreien begann. Sie schrie dabei mit einer so hohen Stimme, wie ich sie bei ihr noch nie gehört hatte.
Jetzt kam bei mir wieder dieses eigenartige Gefühl, ebenfalls nach Vater und Mutter schreien zu müssen. Aber diesmal verlief es anders als bei den ersten Malen: Ich stand mit erhobenen Händen, und wie von selbst bog es mich immer weiter nach hinten - ganz langsam, immer weiter, und es tat überhaupt nicht weh. Das dauerte ein paar Minuten, bis auf einmal Sonja neben mir stand. Sie meinte, bei ihr habe das noch nicht richtig geklappt, sie müsse es nochmals probieren, denn sie habe nicht nach ihrem Vater rufen können.

In der Nacht erwachte ich aus folgenden Traum:

Ich rase wie wild die Treppen hinunter, ich überspringe mehrere Stufen. An der Wand hängen Bilder, an die ich anstoße. Da fällt eines zufällig herunter. Als ich das Bild anschaue, ist darauf eine alte Frau, die ein sonderbares Tier mit der Laterne anleuchtet. So ein Tier habe ich noch nie gesehen. Es ist grün und ein männliches Tier. Ich frage mich, wo das Weibchen dazu ist. Auf einmal sehe ich ein Buch, das jemand achtlos weggeworfen hat. Ich schlage es kurz auf und wieder zu. Es ist die Bibel in einem roten Einband. Außerdem liegt ein rotes Gesangbuch nicht weit davon entfernt. Die alte Frau sagt: »Das ist die Bibel.«
Wieder wird mein Blick von etwas angezogen, diesmal von zwei Kapellen, die auf einem Hügel stehen. Sie öffnet eine der beiden Kapellen, und es ist eine goldene Herrenarmbanduhr darin. Als wäre es selbstverständlich, reicht sie mir die Uhr; daß ich vielleicht eine andere will, kommt ihr nicht in den Sinn. Dann öffnet sie die andere Kapelle, in der sich eine Damenarmbanduhr befindet. Dann sehe ich auch Nadeln in einem Läppchen stecken, sehr schöne Stopfnadeln. Ich denke, ich könnte auch eine brauchen, und nehme eine. Die Frau ist ärgerlich, daß ich eine genommen habe, greift auch zu und nimmt sich welche.

Vor dem Urschrei hatte ich immer versucht, meine Freundin möglichst zufrieden zu stellen, das Beste für sie zu wollen. Ich merkte gar nicht, daß ich mich selbst belog, als ich für meine Freundin dachte. Ich bin nie die andere Person und kann nur das sagen, was ich empfinde. Der Traum sagt mir, daß ich mich nicht mehr in die Lage einer Frau hineinversetzen dürfe, denn das wäre die Leugnung meines eigenen männlichen Charakters, der für mich bestimmt ist. Deshalb ist die alte Frau ärgerlich, als ich wie früher versuche, den Teil einer Persönlichkeit anzunehmen, der mir gar nicht gehört, nämlich den weiblichen.