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In einem buddhistischen Tempel

Wer an sich selbst glaubt kennt sein eigenes Herz. Das Leben ist Einsamkeit. Am Anfang wollen wir es nicht wahrhaben und beschäftigen uns mit Hobbys, Studium und Beruf.
Ich wollte dem Leben in einem buddistischen Tempel in Korea entfliehen und kam nur noch näher an die grundlegensten menschlichen Bedürfnisse, nämlich Essen und Sex.

Songkwang-sa ist einer der wenigen Tempel Koreas, in denen noch die echte Meditaion, die Zen Meditation gelehrt wird. Zen bedeutet im wörtlichen Sinn nur "Sitzen", sitzen und meditieren.
Der Baustil des Tempels entspricht dem der alten Bauernhäuser. Die Gebäude stehen auf wuchtigen Steinsockeln und die Dächer sind so weit überstehend, daß die Fundamente vor Regen geschützt sind. Am interessantesten ist die Haupthalle. Rote Holzsäulen tragen das reichverzierte und verschachtelte Dach. Die Außenwände zwischen den Säulen sind rundherum mit Bildern geschmückt. Sie zeigen den Menschen in seinen verschiedenen Entwicklungsstufen: Die ersten Bilder, wie er einen Ochsen entdeckt - ein Symbol seines Ichs; wie der Ochse weißer und weißer wird, bis er schließlich ganz weiß ist - der Mensch hat sein Ich ganz kennengelernt; auf dem nächsten Bild reitet er auf dem Ochsen - er hat gelernt, das zu machen, was sein Ich möchte; wieder ein Bild weiter ist der Ochse nicht mehr vorhanden - er hat sein Ich weggeworfen; am Ende ist nur ein Bild mit einem Kreis vorhanden - das Du und das Ich, das Wir und das Ihr: alle Widersprüche haben sich aufgehoben, der Mensch ist ins Paradies eingegangen.

Drei Monate verbrachte ich als buddhistischer Mönch in diesem Tempel.
Um drei Uhr morgens wurden wir von einem Gebetsgesang, begleitet durch das Schlagen der Holztrommel (Mogthak), geweckt. Wir bereiteten uns für das erste Morgengebet vor, das um vier Uhr begann.
Beim Eintritt in den Tempel verbeugten wir uns leicht mit erhobenen, gefalteten Händen und stellten uns in mehreren Reihen auf. Die lauten Gebetsgesänge und das Schlagen der Holztrommel ließen keinen Raum für abschweifende Gedanken. Jedesmal, wenn dazu ein Gongschlag ertönte, verbeugten wir uns bis auf den Boden, was anmutig wirken sollte - weder zu langsam noch zu schnell. Da wir alle in Reihen nebeneinanderstanden, wollten die Mönche am Rande die Richtung ihrer Verbeugung ändern, nämlich hin zur Buddhastatue. Da wurde ihnen erklärt, daß das keine wichtige Rolle spiele, da Buddha in keiner Holzstatue, sondern im eigenen Herzen wohne. Er gleiche einer Sonne, die aus dem eigenen Herzen strahle, wenn die Wolken der Unkenntnis verschwunden seien. So sei jeder Tempel eine symbolische Darstellung des eigenen Herzens oder dessen, was im Herzen ist, nämlich Gott.

Nach der Morgenzeremonie mußten wir hinter dem Haupttempel unsere Verbeugung machen, genauer gesagt vor dem Stupa des letzten erleuchteten Mönches, der eigentlich von Beruf Richter war, aber nach der Fällung eines unrechtmäßigen Todesurteils seinen Beruf aufgab, Mönch wurde und fortan im Tempel meditierte, wobei er sich einschloß und durch eine Luke das Essen reichen ließ. Ein Stupa für einen verstorbenen Mönch sollte nur dann errichtet werden, wenn bei der Verbrennung des Körpers Steine als Beweis seiner Heiligkeit übrigbleiben (die Mönche meinten, daß sie aus dem Kopf oder aus dem Hoden kämen, weil ein Heiliger keinen Geschlechtsverkehr mehr hatte).

Die besonderen Festtage im Tempel waren alle vierzehn Tage der Vollmond- und der Neumondtag, an denen es außer dem täglichen Kim-tschi und der Rettichsuppe besonders viele Nahrungsmittel gab. Da wurde der Reis zusammen mit Erdnüssen, Sultaninen, Datteln (Tä-tschu) und Sesamöl gedünstet, der Geschmack von Suppen, Gemüsen und Tofu immer mit wildem Sesam und einer Pilzsoße verfeinert, und es wurden die traditionellen Reiskuchen gebacken.
Neben dem Vierzehntage-Rhythmus gab es zwischendurch immer wieder Festtage, an denen nicht nur das Essen gut schmeckte, sondern an denen wir Ausländer auch mit dem ranghöchsten Mönch, er hieß Ku-san-sunim (Neun-Berge-Mönch), sprechen durften. Hierfür legten wir unsere schönsten Kleider an. Nach dem Ritual der Ehrverbeugungen gab er uns einige Lehrstunden. Einige von uns stellten ihm Fragen zur Meditation. Aber was er wiederholt zu sagen schien, war dies: "Ihr sollt darüber nachdenken, was das Herz ist, und während der Meditation nur an die Gefühle und Empfindungen denken, die aus dem Herzen kommen." Jedoch stellte niemand die Frage, warum man nur ans Herz denken soll - und jetzt wäre es zu spät nachzufragen, weil er verstorben ist (1983).

Die meisten Mönche hatten vorher ein weltliches Leben geführt. Zum Teil waren sie verheiratet gewesen. Einer arbeitete als Tennislehrer und hatte hunderte von Freundinnen. Ein anderer lebte davor in den Bergen wie ein Tier, indem er sich zum Teil von Kiefernnadeln ernährte, die er vor dem Essen in einem Mörser zerstampfte. Ein Mönch hatte während seines Militärdienstes sein Gewehr weggeworfen, wofür er ins Gefängnis kam; er zeigte mir die Narben seiner dort erlittenen Mißhandlungen. Es gab jedoch auch Mönche, die schon im Kindesalter in den Tempel kamen und vielleicht bedauerten, noch nie eine Frau berührt zu haben.

Einige Mönche rieten mir, nicht im Tempel zu bleiben, um noch mehr in der Gesellschaft zu lernen und um zu heiraten. Ein Mönch empfahl mir gar, nicht an Buddha, sondern an Jesus zu glauben. Damals war für mich der Buddhismus die Religion des Essens, wobei durch das strenge Leben im Tempel weder die Lust aufs Essen, geschweige das Verlangen nach Mädchen zum Verschwinden gebracht wurde. Ich beherzigte den Rat der Mönche, wieder in die Gesellschaft zurückzukehren.


 

Ich konzentrierte mich wieder aufs Sprachstudium und belegte einen Kurs an der Seoul-Universität.
Bei einem Spaziergang lernte ich Mjong-hie kennen. Sie half mir beim Koreanisch lernen indem sie mir Satz für Satz vorlas, während ich das Nachsprechen übte. Sie ging in die zwölfte Klasse und wollte Journalistin werden, während ihre Eltern es lieber gesehen hätten, wenn sie ein Medizinstudium gewählt hätte. Sie war fast so groß wie ich und hatte ein hübsches Gesicht. Was mich aber noch mehr anzog, waren ihre schwarzen, schmalen Augen, mit denen sie mich immer wieder unbeweglich ansah. Einmal hatte sie mir ein Gedicht gegeben, in dem sie zum Ausdruck brachte, daß sie am liebsten so wäre wie ein Stein, nämlich unverletzlich in ihren Gefühlen. Und dann trafen wir uns zum ersten Male, abends, am Eingang einer Universität, in deren Nähe sie wohnte. Es dunkelte schon, als wir den Weg zum Sportstadion einschlugen. Wie zufällig berührten sich unsere Körper, und als wir die Treppen hinunterschritten, nahm ich ihre Hände. Doch im nächsten Augenblick ließ ich sie wieder los, weil ich mich beobachtet fühlte. Oder war ich nur unsicher, ob ich das Richtige tat? Wer hätte uns schon im Dunkeln beobachten sollen? Ich überwand meine Scheu, ergriff wieder ihre Hand und zog ihren Körper zu mir.

Ich bin mit meinem älteren Bruder im Zimmer. Da bleibt mein Blick an einer Fensterscheibe hängen, die das Licht so sammelt, daß sich ein Kreuz bildet. Auf einmal kommt ein Hund an meine Seite und geht nicht mehr weg. Ich versuche ihn zu vertreiben, schlage den Hund. Doch es nützt nichts. Dann nehme ich eine Flasche, um ihn damit zu töten. Aber das Fenster mit dem Lichtkreuz irritiert mich. Mit voller Wucht werfe ich die Flasche dagegen, so daß die Scheibe klirrend zerspringt. Im selben Moment habe ich das Gefühl, als würden alle Scheiben im Zimmer zerspringen, denn überall prasseln die Scherben herunter. Mein Bruder starrt mich an, ich bin erschrocken über das, was ich getan habe.

Diesen Traum hatte ich, bevor Mjong-hie mich eines Tages zu Hause besuchte. Die anderen Studenten waren alle zu ihren Vorlesungen gegangen. Und es war wie ein Moment, auf den wir schon lange gewartet hatten - allein in einem Zimmer. Gierig umarmten wir uns, und sie führte meine Hände zu ihren schönen, kleinen Brüsten, die ich immer wieder betastete. Wir lagen ruhig aufeinander, ich spürte, wie sich ihr Atem von der Brust in den Bauch gesenkt hatte. Als ich mit meiner Hand über ihre Jeans streichelte, fielen all ihre Hemmungen. Sie sagte mir, daß ich machen könne, was ich wolle. Ich streifte ihre Jeans ab, und mein Mund küßte sie überall dort, wo es mir gefiel. Doch ihren letzten Wunsch, mein Glied in sie einzuführen, konnte ich ihr nicht mehr erfüllen, weil ich zuviel Angst hatte vor den möglichen Folgen. Obwohl sie ganz regungslos dalag, spürte ich die Zuckungen ihres Höhepunktes.
Dann schien ich bewußtlos zu werden - und wieder schrie es aus mir, das Tier, das ich bereits im Traum und während des Urschreis erlebt hatte: »Uuaaaahh!«, und damit verbunden mein Samenausstoß. Danach verwandelte sich meine Stimme in die Stimme der absoluten Selbstsicherheit, die so fest klang wie Stahl und die Mjong-hie den Befehl gab, das Zimmer zu verlassen; Ekel stieg in mir hoch, weil sich mein Herz nicht entscheiden konnte, sie zu heiraten.

Ich bin bis vor ein eingezäuntes Grundstück an einem Berghang gekommen. Das Ganze befindet sich im Wald. Da kommt mir ein Wesen mit einem Bärengesicht entgegen. Das Gesicht ist das eines Bären, aber die Augen sind die asiatischen Augen eines alten Mannes. Er hat eine lange Rute in der Hand, mit der er mich abwehrt. Früher war dieses Grundstück ein schöner Obstgarten. Ich darf nicht hinein. Ich bin zum erstenmal in einem Traum schockiert über das Wesen, das halb Mensch und halb Tier ist. Es hat einen Gehilfen bei sich. Ich muß außen um das Grundstück herumgehen.

Dies träumte ich, nachdem ich bei einer Prostituierten war. Es tritt ein Wesen auf, das stärker ist als ich und das mein eigenes Gewissen darstellt. Es läßt mich nicht zu einer fremden Frau. Denn die Früchte, die ich genießen will, sind nicht für mich bestimmt.

In Korea gibt es viele Prostituierte, die oftmals erst nach dem Bruch einer längeren Freundschaft auf die schiefe Bahn geraten. Sie beginnt vielleicht damit, daß die Mädchen zuerst einmal als Bedienung in einem der vielen Cafe's arbeiten, noch eher jedoch, wenn sie als Animiermädchen Männer bedienen und diejenigen >verspeisen<, die ihnen besonders gut gefallen, bis sie sich letztlich ganz der süßen Sucht hingeben und sich jedem Mann zur Verfügung stellen. Dabei wird der Kunde so verwöhnt, als wäre es ihr Ehemann, der in der nächsten Stunde schon tot sein könnte.
Warum konnte ich nicht so lange warten, bis sich eine Ehefrau finden würde, die das gleiche für mich machte? Fühlte ich mich etwa angezogen von ihren hübschen Gesichtern, die so einfühlsam wirkten? Möglich - sicher aber war es mehr meine Einsamkeit, die ich zu überbrücken suchte. Eigentlich war die Einsamkeit und Traurigkeit eine Art innere Leere, die zur Zeit meiner Urschreiexperimente entstanden war und verstärkt wurde, seitdem ich allein lebte; ich hatte lediglich versucht, mich immer wieder ablenken zu lassen, um diese Leere nicht zu fühlen: Ablenken lassen durch das Essen und durch das Sprachstudium. Ich hatte keine Gelegenheit ausgelassen, um mein Koreanisch zu verbessern - ich war gierig nach der Sprache.