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Die Entdeckung der Religion

Immer wieder probierte ich den Urschrei aus. Ich wollte wissen, warum sich der Atem ändern kann, nur wenn man nach "Vati" und "Mutti" ruft.
Die Antwort fand ich in der Religion und in meinen Träumen. Besonders die Träume waren der Schlüssel zu einem Verständnis der Bibel, wie ich es nie erwartete.
Das eigene Ich ist das Zentrum; es ist das Herz und Gewissen. Wenn ich mich selbst verstehe, dann verstehe ich meine Eltern und Großeltern. Und erst wenn ich an mich selbst glaube, dann kann ich an Jesus, Buddha und an Gott glauben. Es ist unmöglich an Gott und an Jesus zu glauben, aber nicht an sich selbst.

In einem abgelegenen Bergtal (Steinebachtal, nähe Bad Tölz) suchte ich nach Wasserfällen, wo ich immer wieder den Urschrei ausprobierte. Ich wollte unter allen Umständen herausfinden, warum das Schreien nach Vater und Mutter eine Änderung der Atmung bewirkt hatte.
Manchmal übernachtete ich in einer Scheune an einer kleinen Almwiese. Ich zählte meine Atemzüge: acht pro Minute. Dann versuchte ich, bewußt langsamer zu atmen, bis ich fünfzehn Sekunden für das Einatmen brauchte und fünfzehn Sekunden für das Ausatmen. Als es kälter wurde, verzog ich mich in den hinteren Teil der Scheune, wo das Heu vor der Kälte schützte. Hier versuchte ich immer wieder, nach Vater und Mutter zu schreien. Es zeigten sich jedoch keine Reaktionen mehr. Schließlich probierte ich einfach alle Wörter aus, die mir in den Sinn kamen: Vati, Mutti, Mann, Gott, Teufel, ich, ficken, Herz, ... Von diesen Wörtern faszinierte mich das >ich< am meisten, und es machte mir Spaß, an die offene Vorderseite zu treten und aus meinem Inneren grauenhaft laute Schreie in den Nachthimmel zu schleudern: »Ich! - Ich!« Und dann wechselte ich zu »Ich bin ich! - Ich bin ich!« und das wiederum mehrmals, so als wäre ich der einzige Mensch auf dieser Welt. Das Ganze gab mir eine neue Selbstsicherheit, die ich bisher noch nie gekannt hatte und die von einer Reihe neuer Einsichten begleitet war.

Früher hatte ich meine Mutter lieber als meinen Vater, weil ich sie für verständnisvoller und praktischer hielt. Ich war stolz auf sie, aber nicht auf meinen Vater, der nur für Bestrafungen und sonstige unangenehme Aufgaben zuständig schien. Jetzt war die Bewunderung für meine Mutter zusammengebrochen wie ein Kartenhaus. Es war mir sogar unverständlich, wenn meine Mutter mal etwas Schlechtes über meinen Vater sagte. Wie paßten die herablassenden Bemerkungen zu ihrem tiefen christlichen Glauben?
Ist nicht jedes Urteil, das man über jemanden fällt, nur das über sich selbst, da ja alles Denken aus dem eigenen Innern kommt und man nur das denken kann, was in einem selbst ist?
Wenn ich also etwas Schlechtes von jemandem sage, bin ich es eigentlich selbst, der schlecht ist. Selbst der Haß ist unabhängig von anderen Personen, auch wenn sie uns geschädigt haben. So ist der biblische Satz »Liebet eure Feinde« die Aufforderung, den Haß in uns zum Verschwinden zu bringen. Und wenn Jesus sagt: »Wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin«, dann läßt sich das nur so verstehen, daß man aus Haß nicht mehr zurückschlägt, weil keiner mehr vorhanden ist.
Das Schreien nach dem Ich brachte mir die Erkenntnis, daß alles seinen Anfang vom eigenen Herzen und Gewissen nimmt. Wenn ich meinem Gewissen folge, kann ich mich selbst lieben. Und nur wenn ich mich selbst liebe, kann ich wiederum andere lieben.
Und wie kann jemand an Gott glauben, aber nicht an sich selbst? Das ist unmöglich. Nur wenn ich an mich glaube, kann ich an meinen Vater, an meinen Großvater, an meine Ahnen und schließlich an Gott glauben.

So war der Schrei nach dem eigenen Ich die Erkenntnis des ersten Gebotes: »Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir«. Jeder Mensch ist ein Gott, das ist die Grundaussage des ersten Gebotes. Es ruft zum Glauben an sich selbst auf, nur nach seinem Gewissen zu handeln. Sinngemäß sagt Jesus das gleiche mit dem Satz »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben«, nämlich daß man Jesus nur in sich selbst entdecken kann.
Durch den Urschrei habe ich Gott erreicht, der im eigenem Herzen wohnt und der nicht durch ein theoretisches Denkgebäude außerhalb des Menschen gefunden werden kann. Es war die enge Pforte, die zum eigenen Herzen geführt hat. In dem Augenblick, in dem ich nach Vater und Mutter geschrien hatte, war es das gleiche wie das Schreien nach Gott, dem himmlischen Vater: »Und jeder, der den Namen Jahwes anruft, wird gerettet« (Joel 3,5).

Dichtes Gestrüpp versperrt den Weg, ich komme gerade noch durch. Ich denke, hoffentlich gibt es hier keine Schlangen. Der Waldboden wird immer schwammiger. Plötzlich gibt er nach, ich schwanke und trete ins Leere. O Schreck, ich falle nach unten. Dann spüre ich, wie ich in Wasser falle und untertauche. Als ich wieder hochkomme, wundere ich mich, daß ich das in verschiedenen Farben schillernde Wasser nicht früher bemerkt habe - ein fremdartiger Teich, der in den dichten Büschen unsichtbar gewesen sein muß. Da ich gut im Schwimmen bin, schwimme ich auf die andere Seite.
Dort sitzt ein Gerippe. Es ist mein Jugendfreund Wolfgang, der mit seinem Motorrad tödlich verunglückt ist. Ich werfe einen Blick zurück über den Teich. Da sehe ich etwas Längliches, Zigarrenförmiges im Wasser schwimmen. Es ist radioaktiv und will mich durch eine Explosion töten.

Früher bin ich imTraum vom Felsen gestürzt, jedoch die Angst vor dem Aufprall ließ mich aufwachen.
In diesem Traum fiel ich unverhofft ins Wasser. Der Fall ins Wasser symbolisiert die Wiedergeburt. Daß ich nach unten fiel, spiegelt das wider, was sich äußerlich vollzogen hatte: Mein Atem war durch den Urschrei von der Brust in den Bauch gefallen.
Es ist das Kennzeichen eines jeden Wiedergeborenen, daß er genauso wie ein neugeborenes Baby mit dem Zwerchfell atmet. Die Änderung meines Atmens zog auch die spirituelle und geistige Änderung nach sich. Mit anderen Worten, es gibt keine rein geistige Wiedergeburt, weil die Denkweise von der Atmung abhängig ist. Als Wiedergeborener werde ich mit dem Lebensende konfrontiert: nämlich dem Tod.